Episode 267 Aktien-Rente: Die Angst vorm Aha-Effekt beim Bürger?

 

 

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Hat die Politik Angst davor, dass die Aktien-Rente erfolgreich sein könnte und die gesetzliche Rente dann schlecht dasteht? 

Nein2Five

In der heutigen Folge des Finanzpodcasts für den Feierabendboss beschäftigen wir uns noch einmal mit der Rente. In der Episode 100, in der wir den Rentenbescheid im Detail analysiert haben, hat mit den Ausschlag für uns gegeben, das Buch FEIERABENDBOSS zu schreiben.

Durch die Tatsache, dass die FDP in der Regierung ist, hat sich etwas in Sachen Rente bewegt. Die Aktienrente liegt als Vorschlag auf dem Tisch. Klingt erst einmal gut. Wie gut es wirklich ist, skizzieren wir in dieser Folge.

Hintergrundwissen:

Die Aktienrente ist eine Form der Altersvorsorge, bei der ein Teil deiner Ren­ten­ver­si­che­rungsbeiträge in Aktienfonds investiert wird und ist vor allem aus Schweden und Norwegen bekannt. An diesen Vorbildern hat sich auch die FDP orientiert, als sie die Aktienrente 2021 in ihr Wahlprogramm aufnahm. Von dort wanderte der Vorschlag in den Koalitionsvertrag der Ampelregierung.

Wie funktioniert die Aktienrente in Schweden?

Die Schweden sind die Vorreiter bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge. Dort gehört die sogenannte Prämienrente schon seit 2000 zum gesetzlichen Rentensystem.

Schwedische Arbeitnehmer zahlen 16 Prozent ihres Bruttoeinkommens in eine einkommensbasierte Rente ein. Das funktioniert ähnlich wie in Deutschland: Die Beiträge unterscheiden sich je nach Einkommen und fließen dann im Umlageverfahren in die aktuellen Rentenzahlungen.

Zusätzlich zahlen die Schweden aber 2,5 Prozent ihres Bruttoeinkommens in eine sogenannte Prämienrente oder Aktienrente. Aussuchen können sie sich das allerdings nicht. Sie haben nur die Wahl zwischen einem staatlich zugelassenen privaten Fonds und dem staatlich verwalteten Fonds „AP7 Såfa“. Erfolgt keine aktive Entscheidung, fließt das Geld automatisch in den staatlichen Fonds.

Der „AP7 Såfa“-Fonds ist einer der größten Pensionsfonds in Europa. In den letzten zehn Jahren konnte der staatliche Fonds eine durchschnittliche jährliche Rendite von 14 Prozent (!) erwirtschaften.

Bundesfinanzminister Christian Lindner will mit der Aktienrente die gesetzliche Rentenversicherung stabilisieren und über einen neuen Mega-Fonds auch bei der privaten Vorsorge vorankommen. Dafür will er die im Bundeshaushalt 2023 gebildete Aktienrücklage massiv ausbauen – und schließt dabei auch eine Finanzierung über neue Schulden nicht aus.

Wir brauchen mittel- bis langfristig eine dreistellige Milliardensumme, damit die Erträge der Aktienanlage einen spürbaren Effekt auf die Stabilisierung der Rentenbeiträge und des Rentenniveaus haben können“, sagte Lindner dem Tagesspiegel.

Die zehn Milliarden Euro, die 2023 in „einem ersten Schritt“ bereitgestellt werden, bezeichnete der FDP-Chef als „Grundstein für den Einstieg in eine Kapitaldeckung im Rentensystem“. Das Ziel sei es, „sowohl Rentenbeiträge als auch Rentenniveau auf einem stabilen Niveau zu halten“.

Die Politik steht vor der Aufgabe, angesichts des schrittweisen Ausscheidens der geburtenstarken Jahrgänge im kommenden Jahrzehnt deren Rentenniveau zu sichern, ohne aber die Rentenbeiträge der nachrückenden Generationen zu sehr anheben zu müssen. Um das zu gewährleisten, will Lindner massiv „das Renditepotenzial der internationalen Aktienmärkte“ nutzen.

Zur Finanzierung der dreistelligen Milliardensumme sagte der Finanzminister, er habe dazu Ideen, es gebe aber „noch keine abgeschlossene Willensbildung der Bundesregierung“.

Lindner verwies auf die Finanzierung des ersten Schritts in Höhe von zehn Milliarden Euro, die vollständig über neue Schulden erfolgt und als Darlehen des Bundes an die neue Aktienrücklage fließt. „Wir machen uns zunutze, dass der Staat für seine Anleihen weniger zahlen muss, als die Kapitalmärkte an Rendite bringen“, sagte er dazu.

SPD und Grüne setzen auf Ältere

Für das kommende Rentenpaket – die Koalition hat dafür eine Arbeitsgruppe eingesetzt – hält Schmidt es für viel entscheidender, die umlagefinanzierte Rente zu stärken. Die Sozialdemokraten peilen an, das Rentenniveau langfristig bei 48 Prozent stabil zu halten. „Dies gelingt uns etwa durch gute Löhne, eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen, von älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und nicht zuletzt auch durch die Zuwanderung von Fachkräften.“

Lindners Plan nachgerechnet hat der Grünen-Rentenpolitiker Markus Kurth – und kommt zu dem Schluss, dass die Aktienrente „bestenfalls eine geringfügige Ergänzung des Umlagesystems darstellen kann“. Wirklich zielführend für die Stabilisierung der Rentenfinanzen sei das Konzept nicht.

Enormen Summen, sehr langen Anlagezeiträumen und immer noch vorhandenen Kapitalmarktrisiken steht ein vergleichsweise spärlicher Effekt gegenüber. Grünen-Rentenpolitiker Markus Kurth über Lindners Aktienrente:

„Mit einer realistischen Renditeannahme von vier Prozent wären über 500 Milliarden Euro nötig, um bloß ein Prozent Beitragssatzanstieg zu vermeiden“, sagte Kurth.

Warum er eine Zahl für „realistisch“ hält, die ungefähr nur die Hälfte der historischen Rendite-Erwartung ausmacht, erklärt er nicht. 

Auch die Grünen setzen auf eine stärkere Finanzierung des Rentensystems über die Ausweitung des „Erwerbspersonenpotenzials“ – also auch hier mehr Ältere, Frauen und Zuwanderer als Beitragszahler. „Ein demographiefester Arbeitsmarkt ist kein rein rentenpolitisches Anliegen. Gerade aus wirtschaftspolitischer Sicht ist es unbedingt notwendig, Erwerbstätigen möglichst lange die Teilnahme am Arbeitsleben zu ermöglichen“, sagte Kurth.

In dem von Hubertus Heil (SPD) geführten Sozialministerium heißt es, dass Lindners Vorstoß in die richtige Richtung gehe. In der Koalition gebe es dazu nun einen Abstimmungsprozess. Es sei geplant, einen Kapitalstock aufzubauen, über dessen Erträge der Beitragssatz perspektivisch entlastet werden kann. Der Aufbau demnach soll über mehrere Schritte erfolgen.

Also: Die Aktienrente soll der Startschuss für eine zusätzliche Kapitaldeckung des Systems sein, allerdings wird es sich beim deutschen Modell nach den jetzigen Plänen der Bundesregierung eher um eine Aktienrücklage handeln. Die Erträge aus dem Fonds sollen nämlich nicht dafür genutzt werden, deine Rente zu erhöhen. Stattdessen sollen die Einnahmen zur „Stabilisierung der Entwicklung des Beitragssatzes“ ab Mitte der 2030er Jahre genutzt werden, wie es im bereits erwähnten Grundkonzept zur Aktienrente heißt. Du darfst also nicht erwarten, dass deine Rente steigt. Stattdessen soll die Aktienrente dafür sorgen, dass deine Beiträge für die Ren­ten­ver­si­che­rung weniger schnell steigen. Die gesetzliche Ren­ten­ver­si­che­rung bekommt also eine kapitalgedeckte Rücklage, die zur Finanzierung der bestehenden Werte beitragen soll.

Wie ist die Aktienrente einzuschätzen?

Dass die Aktienrente helfen soll, den künftigen Beitragssatz zu stabilisieren, ist eine Abkehr vom Ursprungskonzept. Das neue Grundkonzept bestätigt diesen Wendepunkt in den Plänen der Ampelkoalition zur Aktienrente.

Zu Beginn der Pläne sollte die Aktienrente direkt die Rente erhöhen. Die FDP warb im Wahlkampf für die Aktienrente noch mit den Worten: „Durch unser Modell erwerben zukünftig alle Beitragszahlerinnen sowie Beitragszahler – insbesondere auch Geringverdiener – echtes Eigentum für ihre Altersvorsorge und erhalten höhere Altersrenten.“

Im Koalitonsvertrag war das Wort Aktienrente tatsächlich nicht mehr zu finden. Stattdessen war vom Einstieg in die Kapitaldeckung zur Stabilisierung des Rentenniveaus und des Beitragssatzes die Rede.
Noch im vergangenen August empfahl hingegen der wissenschaftliche Beirat beim Bundesministerium für Finanzen in einer Stellungnahme zur Aktienrente, auf eine Beitragsgarantie zu verzichten. Auch im Gremium, das das Bundesfinanzministerium selbst mit Gutachten unterstützt, war man demnach davon ausgegangen, dass aus den Erträgen der Aktienrente irgendwann Beiträge ausgezahlt werden sollen.

Stattdessen soll die Aktienrente nun der Gemeinschaft der Beitragszahlenden helfen.

Das dürfte mit den bereits angesprochen Babyboomern zu tun haben. Von 2025 bis 2035 gehen diese geburtenstarken Jahrgänge der 60er-Jahre in Rente.

Heißt: Noch mehr Rentner und Rentnerinnen im Verhältnis zu noch weniger Beitragszahlenden. Die Einnahmensituation der Ren­ten­ver­si­che­rung dürfte sich verschlechtern. Um diesen Effekt abzumildern, könnte der Staat noch mehr Geld aus Steuermitteln zuschießen,
dem Arbeitsmarkt möglichst viele neue Arbeitskräfte zuführen
oder eben den Beitragssatz erhöhen.

Dann müsstest Du noch mehr von Deinem Gehalt abgeben, damit die Rentenkasse genug Geld hat, um die Renten zu zahlen.

Mit der Aktienrente möchte die Ampelkoalition die Renditechancen auf dem Kapitalmarkt nutzen, um darüber hinaus gegenzusteuern. Wie bereits erwähnt jedoch erst ab Mitte der 2030er Jahre. Das Geld, das in den Fonds der Aktienrente fließt, wird Zeit brauchen, um eine Rendite abzuwerfen. Und sehr wahrscheinlich wird es noch länger dauern, bis die Rendite so groß ist, dass sie einen nachhaltigen Einfluss auf das Rentensystem hat. 10 Milliarden Euro zum Start mag sich nach viel anhören, für die Ren­ten­ver­si­che­rung sind das jedoch eher Peanuts auf der Einnahmenseite.

Wie wenig die Summe ist, zeigt ein einfaches Beispiel.

Grundlage dafür ist eine Aussage von Reinhold Thiede beim Sozialpolitischen Arbeitskreis der DRV-Baden-Württemberg Mitte November.

Dem Leiter der Forschung und Entwicklung bei der DRV zufolge bräuchte es heute gut 17 Milliarden Euro, um den Anstieg des Beitragssatzes um nur 1 Prozent zu verhindern. Diese 17 Milliarden Euro sind demnach der Ertrag, den der Aktienfonds jährlich erwirtschaften müsste.

Ausgehend von einer guten Rendite von jährlich 8 Prozent, müsste der Fonds dafür ein Volumen von rund 212,5 Milliarden Euro haben. Die 8 Prozent Rendite basieren auf historischen Daten über mehrere Jahrzehnte. Das der Fonds so schnell auf eine Durchschnittsrendite in dieser Höhe kommt, ist keineswegs garantiert.

„Es ist also kaum zu erwarten, dass sich allein aus dem Aufbau eines Kapitalstocks die Sicherung des Rentenniveaus finanzieren lässt“, sagte deshalb auch der alternierende Vorsitzende des Bundesvorstands der Deutschen Ren­ten­ver­si­che­rung Bund, Alexander Gunkel, bei einem Pressetermin Anfang November.

Nach den Plänen der Ampelkoalition soll es auch nicht bei den anfänglichen 10 Milliarden Euro bleiben. Die Gewinne, die der Fonds erwirtschaftet, fließen bis zur ersten Auszahlung in ihn zurück. Außerdem will die Bundesregierung wohl jährlich weitere Milliarden für die Aktienrente zur Verfügung gestellt werden. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) kündigte gegenüber dem „Tagesspiegel“ an, dass der Fonds „mittel- bis langfristig eine dreistellige Milliardensumme“ in den Fonds investieren wolle. Wieviel genau und wie dies finanziert werden soll, ist aber weiterhin unklar.

Zumal schon die ersten 10 Milliarden Euro für die Bundesregierung nicht so einfach aus dem knapp bemessenen Bundeshaushalt abzugeben sind. Stattdessen will das Bundesfinanzministerium wohl Schulden aufnehmen und diese als Darlehen an den Fonds weitergeben. Die Zinsen auf das Darlehen sollen aus den Kapitalerträgen der Aktienrente refinanziert werden. Der Grund: Das Bundesfinanzministerium kann so die Schuldenbremse einhalten, weil das aufgenommene Geld nicht ausgegeben, sondern angelegt wird. Bilanztechnisch wird es deswegen nicht als Schulden verbucht.

Auf der einen Seite ist das vorteilhaft, weil der Staat günstiger neue Darlehen aufnehmen kann, als es der Fonds selbst könnte. Auf der anderen Seite werden die Darlehenszinsen die mögliche Rendite des Fonds zunächst schmälern.

Zusätzlich will der Staat Vermögenswerte an den Fonds übertragen. Spekuliert wird über Aktien der Telekom oder der Deutschen Post, die der Bund selbst hält.

Fazit: Zurück auf Los! Private Vorsorge ist und bleibt ein Muss!

SHOWNOTES: 

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4 comments on “Episode 267 Aktien-Rente: Die Angst vorm Aha-Effekt beim Bürger?

  1. Andy sagt:

    Passend dazu:

    https://twitter.com/lukas_scholle/status/1611354347350228993

    Wäre vielleicht auch ein schönes Thema für den Podcast. 🙂

    Gruß
    Andy

    1. Christian Schmid sagt:

      Vielen Dank für deinen Kommentar, Andy!

      Stimmt, das ist auch ein interessantes Thema. Die Reaktion auf die steigende Zahl der Privatiers in Deutschland ist sehr vielsagend, da kommt viel Neid auf die Unabhängigkeit dieser Menschen hoch. Könnte man auch als Anreiz sehen, anstatt es zu verteufeln 🙂

  2. Mirko sagt:

    Hallo zusammen,
    hat tatsächlich jemand geglaubt, die FDP würde sich gegen die SPD und die Grünen mit ihren Plänen für eine Aktienrente durchsetzen?! Nein, natürlich nicht. Die Liberalen selbst am aller wenigsten.

    Meine Prognose: Eine Aktienrente wird in Deutschland nach derzeitiger politischer Gemengelage auch weiterhin auf sich warten lassen. Die Reaktionen und Gründe für die Ablehnung sind vielsagend. Im Grunde läuft es aber darauf hinaus: Linke Parteien müssten mit ihrer Zustimmung zur Aktienrente (mit einer Säule der Eigenvorsorge) nämlich von ihrem Zentralstaats-Primat abrücken. Dahinter steckt die Vorstellung, dass der Staat die beste Instanz zur Umverteilung und Lenkung ist, um „die Menschen“ vor den krakenhaften Auswüchsen des entfesselten Kapitals zu schützen. Würden sie allerdings auf die Aktienrente setzen, müssten sie stattdessen das blanke Gegenteil zugeben: Der Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Das wäre der Offenbarungseid zum Versagen des allmächtigen Umverteilungsstaates.

    Und wann hätte man von Politikern je das Eingeständnis eines Irrtums gehört?

    Es grüßt
    Mirko

    1. Christian Schmid sagt:

      Hallo Mirko!

      Ja, das war naiv 🙂

      Es stimmt, was Du sagst: Es geht um die Systemfrage. Ein erfolgreiches, kapitalistisches Rentensystem würde das Feindbild Kapitalismus zerstören. Es würde berechtigte Fragen aufwerfen und eine unerwünschte Konkurrenzsituation erzeugen. Also, besser so weitermachen wie bisher!

      Schöne Grüße

      Christian

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